Von den Einschränkungen und Belastungen der Corona-Regeln ist auch die Unterrichtsgestaltung an der Justizvollzugsschule Nordrhein-Westfalen in besonderer Weise betroffen. Welche Probleme und Schwierigkeiten in der schulischen Praxis auftreten, ist einem Erfahrungsbericht einer Dozentin zu entnehmen, den wir nachstehend abdrucken.

Die Autorin, Frau Nele Weiß, ist als Dipl.-Psychologin bei der zentralen Ausbildungsstelle des Vollzuges in Wuppertal tätig. Sie leistet beruflich einen wesentlichen Beitrag, den Nachwuchskräften des Vollzuges jenes Rüstzeug zu vermitteln, damit sie entwickelte Behandlungskonzepte für die Wiedereingliederung von Straftätern fachgerecht umzusetzen vermögen. Sie hat sich dankenswerter Weise die Mühe gemacht, uns die Chancen und Möglichkeiten der Digitalisierung des Unterrichts einmal vorzustellen.

„Ich sehe, dass Sie reden, aber ich kann Sie nicht hören!“

Die Pandemie hat nicht nur verändert, wie wir uns verhalten und was wir im Gesicht tragen. Auch die Art der Kommunikation mit unseren Mitmenschen hat sich gewandelt. Dies ist auch an der Justizvollzugsschule NRW der Fall. Und diese Veränderung betrifft hier zwangsläufig auch den Unterricht. Um in Zeiten der Abstandsregelungen und des Lockdowns die Ausbildung fortsetzen zu können, war es nötig, die Kreide beiseitezulegen, die Tablets rauszukramen und mal zu schauen, wie das mit der digitalen Lehre so funktioniert. Irgendwann kam das ja schon mal in den Nachrichten. Das geht an unserer Schule bestimmt auch.

Jede hauptamtliche Lehrkraft sowie alle Anwärterinnen und Anwärter wurden also zunächst mit einem Tablet ausgestattet. „Wir können aber nur zwei Klassen gleichzeitig die Tablets einrichten lassen, sonst kommt das WLAN doch an seine Grenzen“, hieß es von Seiten der IT.

Und schon verfügten nach eineinhalb Wochen alle aus den insgesamt zwanzig Ausbildungsgruppen über ein neues Werkzeug für den Unterricht. Und mit diesem neuen Werkzeug kamen die Möglich- und Widrigkeiten der digitalen Welt auf uns zu.

„Die Dozenten können ihre Tablets mit den elektronischen Tafeln in den Klassenräumen verbinden und darüber ihre Präsentationen oder Videos zeigen.“

„Oh, wie praktisch!“

„Ja, dazu müssen Sie auf dem Tablet nur den entsprechenden Raum für die Tafel anklicken, den Anschluss HDMI1 wählen und das zugehörige Passwort eingeben.“

„…Was?“

So oder ähnlich läuft die Kommunikation zwischen IT-Personal und Dozenten und so ergeht es einigen von uns immer mal wieder. Aber steter Tropfen höhlt den Stein und eine Hand wäscht die andere…, in Corona-Zeiten noch viel mehr als sonst. Und so lernt jeder – mal durch Ausprobieren, mal mithilfe von Kollegen, oder in Frage-Antwort-Runden der IT – wie man die Tablets möglichst effizient nutzen kann.

Mittlerweile sind die Tablets bei vielen schon fester Bestandteil im Präsenzunterricht. Besonders hilfreich werden sie aber dann, wenn sich eine Anwärterin oder ein Anwärter bzw. eine ganze Ausbildungsgruppe in häuslicher Quarantäne befindet. Die fehlenden Anwärterinnen und Anwärter können so dem Präsenzunterricht zugeschaltet und die gesamten Ausbildungsgruppen können per Videokonferenz unterrichtet werden.

Im Grunde gestaltet sich dies wie Präsenzunterricht. Die Unterrichtsmaterialen werden auf dem Bildschirm geteilt; alle teilnehmenden Personen sind im Idealfall sichtbar und auch hörbar; um aufzuzeigen, besteht die Möglichkeit, auf eine kleine Hand auf dem Display zu drücken.

Dabei fallen Sätze, die, wenn man sie im „normalen“ Unterricht sagen würde, für Verwirrung und/oder Belustigung sorgen könnten:

„Ich sehe, dass Sie reden, aber ich höre Sie nicht.“ (Wenn vergessen wurde, das Mikrofon einzuschalten).

„Melden Sie sich noch? Ihre Hand ist noch oben.“ „Ach so, nein, ich hab vergessen, sie runterzunehmen.“

„Es fehlt noch ein Anwärter, wissen Sie, wo der ist?“ „Ja, der hat gerade Probleme mit dem WLAN.“

„Ich kann Ihre Unterrichtsfolien nicht sehen.“ „Dann gehen Sie noch mal raus und kommen wieder rein.“

Und wenn ein Dozent in Quarantäne ist? Für diesen Fall sind in den Ausbildungsgruppenräumen Webcams installiert. Hierüber kann die Lehrkraft in die Klasse zugeschaltet werden, ist auf der elektronischen Tafel sichtbar und kann von zu Hause aus mithilfe des Tablets den Unterricht abhalten.

Wie alles im Leben bringt auch die Digitalisierung ihre Vor- und Nachteile mit sich. Lehrkräfte und Anwärter*innen müssen geschult werden. Für manch einen bleibt Kreide das Mittel der Wahl. Verbindungsprobleme, leere Akkus, spontan aufploppende Updates, Haustiere und schreiende Kinder stören den Unterricht schon mal.

Nichtsdestotrotz ist es uns heute möglich, die Ausbildung weiterlaufen zu lassen. Quarantäne bedeutet nicht: „Wir müssen die Klausuren verschieben, weil wir mit dem Stoff nicht durchkommen“, sondern: „Unterricht nach Stammstundenplan von zu Hause aus.“

Neben allen Hindernissen und Schwierigkeiten, die hin und wieder auftauchen, wird die Digitalisierung sehr positiv aufgenommen. Teilweise sei es sogar einfacher, dem Unterricht von zu Hause aus zu folgen, da man nicht von seinem Sitznachbarn abgelenkt werden könne.

Auch, wenn der größte Vorteil der digitalen Lehre das Anbehalten der Kuschelsocken ist, wird diese niemals dauerhaft den Wert eines gut geführten Präsenzunterrichts aufwiegen können. Doch zumindest wird uns die Wichtigkeit des Fortschritts in Zeiten von Corona deutlich und die Justizvollzugsschule in NRW ist froh darüber, diesen Schritt in die Digitalisierung gehen zu können.

Seit dem 6. Januar 2021 unterrichten wir den gesamten Lehrgang an beiden Ausbildungsstandorten in Wuppertal und Hamm mit 20 Ausbildungsgruppen digital. Diese Herausforderung mit ihren neuen Erfahrungen ist es, die uns bei der zukünftigen Entwicklung der digitalen Lehre für die Nach-Corona-Zeiten sicher hilfreich sein wird.

Nele Weiß

Foto im Beitrag © Pascal Deinert

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BSBD NRW

Von BSBD NRW

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